INTERVIEW mit Haya Molcho von NENI

YS: Herzlich Willkommen zum Champagne Talk – “für unsere Gäste nur das Beste!” Ich bin Yvonne Sammer und spreche im Interview mit erfolgreichen Frauen über ihre Lebenserfahrungen und wie sie es bis an die Spitze geschafft haben.

Heute begrüße ich Haya Molcho, sie ist eine international gefeierte Köchin mit israelischen Wurzeln, Gründerin der NENI Restaurants, Autorin zahlreicher Kochbücher und besitzt eine eigene Kochschule.

Liebe Frau Molcho, schön, dass Sie heute da sind.

Haya Molcho: Ich freue mich sehr.

YS: Ihr Motto lautet “Life is beautiful”, was verbinden Sie mit diesem Slogan? 

Haya Molcho: Erstens ist das Motto nicht von mir, das ist ein Familienmotto. Die Jungs haben einst gemeint, wenn wir eine Firma machen, dann heißt die LiB – Life ist beautiful. Ich glaube, wenn du eine wunderbare Familienkonstruktion hast, eine schöne Kindheit, ein gutes Leben und dann eine Firma aufmachst, dann war für sie ganz klar diese Firma wird “life is beautiful” heißen, weil wir das mit Leidenschaft und alle gemeinsam machen. Das “lib” war unser erster Stempel für  unsere Firma. Bis heute kann ich sagen - außer, dass es jetzt mit Corona eine andere Zeit ist – ist es nach wie vor “life is beautiful."

YS: Familie wird bei Ihnen ganz groß geschrieben und auch gelebt, woher kommt dieser hohe  Stellenwert?

Haya Molcho: Ich glaube, wenn du aus dem mittleren Osten kommst - ich bin ja in Israel mit einer Großfamilie aufgewachsen - mit Tanten, Omas, Cousins und wir haben z.B. einmal die Woche ein Picknick gemacht, wo alle gekommen sind - da wurde die Großfamilie immer schon sehr groß geschrieben. Mein Mann ist auch so aufgewachsen mit seiner Familie, wir sind in Israel auch mehr draußen als drinnen und die Nachbarn hatten Familien mit 12 Kindern.  Das habe ich in Europa weitergeführt, denn ich habe nicht nur einen Sohn, ich habe 4 Söhne – also auch schon wieder eine Großfamilie.

Unsere Familie das sind Glücksmomente - Life is beautiful - weil es schön ist mit anderen Kindern und Freunden aufzuwachsen. Daher ist das unser Motto, das uns überall begleitet.

Für uns ist die FAMILIE wirklich die BASIS des ERFOLGES

und die BASIS des GLÜCKS.

YS: Schön, denn man sieht auch die Wurzeln und den Zusammenhalt bei Ihnen in der Familie.

Haya Molcho: Ja, das ist in uns drinnen und ich glaube auch sehr authentisch, weil wir das einfach leben. Wir sind aufgewachsen mit einem Tisch voller Tapas, wir haben alles geteilt, wir haben gemeinsam gekocht, so wie es in meiner Kindheit war, so ist es jetzt. Wenn du in meine Küche siehst, da ist noch ein Koch da und mehrere Menschen arbeiten an einem Gericht. Das ist für uns auch das Motto, das wir später NENI gegeben haben.

Gemeinsam essen und teilen, nicht nur einer für einen, mein Teller und dein Teller, sondern wir teilen, we are sharing.

YS: Alle gemeinsam an einem Tisch! Man spürt bei Ihnen auch diese Leidenschaft und Passion. Wo war der Wendepunkt, wenn Sie zurückschauen? Das Kochen für Freunde und Familie, das war die eine Sache, aber dass daraus eine Passion, eine Berufung wird und sogar ein Lebenswerk entsteht - wo war dieser Punkt wo Sie sagen “da ging`s los.”

Haya Molcho: Ich war ja lange zu Hause mit den Jungs. Die ersten 7 Jahre war ich auf Tournee mit Samy, meinem Mann Samy Molcho. Wir waren auf der ganzen Welt, wir waren wie Nomaden – mit Koffern, Küchen, Hotels, Bühnen, Märkten, Freunden. Wir trafen tolle Menschen auf der ganzen Welt. Dann kam die zweite Phase, wo wir auch den Kinderwunsch hatten und die 4 Jungs kamen einer nach dem anderen, wo ich dann zu Hause war. Ich war eine glückliche Mutter, habe mich natürlich auch immer mit Freunden getroffen und für Gäste gekocht, aber das war nicht beruflich.

Der Wendepunkt war für mich, als der Nadivi, der Kleinste, 13 Jahre alt war. Da wusste ich "Ok jetzt muss ich alles loslassen, meine Jungs muss ich loslassen." Die Kunst loszulassen kannst du glaube ich nur dann schaffen, wenn du dein eigenes Ich wiederfindest. Wer ist Haya? Was macht Haya als Individuum aus?

Da war für mich ganz klar ich werde alles mitdem Kochen verbinden, weil ich immer schon gekocht habe. Dann kamen komischwerweise auch schon die ersten Anfragen fürs Catering und für Feste, weil sie mich beobachtet haben, wie ich das mache. Ich habe immer Feste für 200 - 300 Leute ausgerichtet und nicht nur für 5 Leute gekocht. Dann kam die Anfrage “Ich möchte, dass du ein Fest für mich organisierst mit 200 Leuten.” Das war der Beginn meines eigenen Caterings. Ich konnte anfangs noch von zu Hause aus kochen, bis es zu eng wurde und ich eine Küche gesucht habe. Mit Freelancern und mit Jungköchen waren wir ein anderes Catering Unternehmen, das anders war als alle anderen und mit viel mehr Live Cooking.

Wir reden hier von vor 30 Jahren, da haben wir etwas gebracht, das niemand anderer hatte.

So fing die zweite Karriere nach dem Mutter sein an.

YS: Ein spannendes Leben, wenn man das so hört. Sie haben es schon angesprochen Ihr Mann, Samy Molcho, ist ja als der Körpersprache Experte bekannt. Wie war das neben einem so berühmten Partner an der Seite, sein eigenes Business auf die Beine zu stellen und so erfolgreich seinen Weg zu gehen?

Haya Molcho: Ich glaube, das war nie eine Frage zwischen mir und Samy. Es war damals ganz klar: er war auf der Bühne und ich war mit auf Tournee. Das war damals sein Erfolg und seine Karriere und wir haben das gemeinsam erlebt. Das war eine wunderschöne Zeit und bis heute genieße ich mit Samy seinen Erfolg als Körpersprache Experte und früher Pantomime. Das ist wie bei einer Gangschaltung - einmal ist er ein Stück zurück und dann bin ich vorne. Wenn du als Paar lernst, es dem anderen zu gönnen, wenn du deine Glücksmomente aber auch deine traurigen Momente mit deinem Partner teilst, dann entwickelt es sich so, dass jeder seine Karierre macht. Ich war auch manchmal verzweifelt, wie ich das überhaupt schaffe – und Sammy war mir ein großer Unterstützer so wie ich ihn auch immer unterstützt habe in seiner Karriere. Als er Bücher über Körpersprache geschrieben hat, habe ich auf die Kinder geschaut und dass sie leise sind – heute hilft er mir. Das heißt, es ist ein Austausch und wenn jeder eine individuelle Persönlichkeit ist, dann hält uns so etwas wie ein “Bogen” zusammen.

Für uns war es nie ein Problem, wenn der andere Erfolg hatte, 

das ist eine Selbstverständlichkeit, wenn du jemanden liebst.

YS: Dann sind wir genau wieder bei dem Thema: Es geht um die Familie, es geht um das gemeinsame und sich gegenseitig voranbringen.

Haya Molcho: Und dem anderen es zu gönnen “Ok, jetzt ist deine Zeit”. Dann wartete kein Essen mehr zu Hause sondern Samy ist dorthin gegangen wo wir waren. Das ist eine Umwandlung, aber wenn du jemanden liebst, dann nimmst du dich auch zurück und sagst “Ok, das ist jetzt die Zeit, wo Haya arbeitet.” Das hat Samy wunderbar geschafft und was ich bei ihm nochmehr bewundert habe war, dass er sich immer interessiert hat auch wenn es nicht sein Metier war. Er war immer neugierig, hat Fragen gestellt und wollte immer alles wissen, weil ja auch die 3 Jungs mit dabei waren. In wichtigen Momenten haben wir ihn immer dazugeholt, weil die Familie eins ist und auch er indirekt mit involviert ist.

YS: Sie sind seit über 40 Jahren ein Paar und verheiratet, wie war das damals? Liebe geht ja durch den Magen heißt es so schön, wie hat Ihr Mann es geschafft, Sie für sich zu gewinnen und einzukochen?

Haya Molcho: (lacht) Es hat lange  gedauert – 5 Jahre. Ich habe ihn sehr jung kennengelernt und ich glaube ich kann sagen die Liebe zu Samy hat sich entwickelt. Am Anfang ist man verliebt und ich habe ihn in seiner Kunst ja auch sehr bewundert. Ich wußte ja nicht wer er ist, als ich ihn kennengelernt habe. Dann habe ich aber ganz schnell gemerkt “Mit wem ich ich hier eigentlich zusammen bin” und das war dann auch mit sehr viel Unsicherheit verbunden, weil ich viel jünger war und in Frage stellte “Wieso nimmt er gerade mich Haya, die in Israel  geboren und in Deutschland aufgewachsen ist?”

Als junge Frau hast du sehr viele Unsicherheiten, aber er hat mir zum Glück schnell die Sicherheit gegeben “Du bist diejenige, die ich liebe, mit dir will ich zusammen leben.” Genau das musste er mir sehr viele Jahre beweisen. Irgendwann sagte ich mir dann “Ok, ich bin genau so wie ich bin gut und er liebt mich als Haya - so wie ich bin – und genau die wollte er auch haben." Dann hat sich mein Selbstbewusstsein langsam entwickelt, aber es hat lange gedauert. Auch die Liebe wächst mit den Jahren und wenn das Verliebtsein irgendwann einmal weg ist, fragst du dich “Was ist die Liebe?” Die Liebe ist viel viel wichtiger als nur das Verliebtsein. Wenn du dann eine Ehe hast, die 40 Jahre dauert, dann geht es durch dick und dünn, das ist wie mit Wellen, die sind auch nicht immer gleich. Wenn man das schafft, dann kann ich heute sagen “Ich bin sehr glücklich, dass wir auch die tiefen Momente überbrückt haben und es geschafft haben.” Heute feiern wir bald 43 Jahre.

YS: Gratuliere! Wie Sie sagen, das Leben besteht aus Höhen und Tiefen und dass man gemeinsam durchs Leben geht und sich unterstützt.

Haya Molcho: Absolut, das ist ganz klar. Du hast so viele Phasen im Leben. Manchmal hast du tiefere Phasen, wo du eher eine leichte Traurigkeit verspürst und dich dauernd fragst “Habe ich das richtig gemacht oder nicht?” Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich gut genug bin. Aber genau das ist dieses Adrenalin, das dich immer weiter bringt.

Habe ich schon alles geschafft? Nein! Ich glaube es gibt noch so viel für uns und man kann immer eine Kurskorrektur machen und immer besser werden. Man hat ja nie das Ziel erreicht, deswegen bleiben wir jung im Geist.

YS: Glauben Sie nicht, dass das auch ein Stück weit ein Frauenthema ist? “Ich bin noch nicht gut genug, es braucht noch das und jenes dazu?”

Haya Molcho: Das haben meine Jungs genauso. Ich glaube das ist Erziehung. Meine Jungs sind keine Machos die selbstbewusst sagen “Alles, was ich mache ist toll.” Nein, du fragst dich immer wieder! Menschen, die nachdenken, die kreativ sind, die weiterkommen möchten werden nie immer sagen “Wow jetzt habe ich das geschafft!” So etwas gibt es nicht. Der eine Weg wird immer in einen anderen führen. Jetzt war ich in Portugal, jetzt habe ich wieder neue Ideen, also ich glaube das ist ein neverending Prozess. Diese Unsicherheit - auch wenn ich im Fernsehen auftrete - ist da und ich denke nie “Alles werde ich schaffen.” Im Gegenteil, es gibt immer eine gewisse Unsicherheit. Jeder Künstler hat Lampenfieber und wenn das Lampenfieber weg ist, ist das Adrenalin weg und die Kreatitvität wird weniger.

YS: Gerade das macht uns ja menschlich. Dieses Weitergehen im Leben, sich entwickeln, voranschreiten.

Haya Molcho: Auch Kurskorrekturen durchzuführen und sehen: “Das haben wir nicht gut gemacht. Wie können wir das ändern?” Das gehört zum Leben.

Du kannst im Leben nicht immer alles perfekt haben und du 

wirst nie immer nur selbstbewusst sein. So was kenne ich gar nicht.

YS: Es gibt wahrscheinlich auch nicht nur das eine oder andere, wie viele Frauen vielleicht glauben – man muss sich entweder für die Kinder oder für die Karriere entscheiden.

Haya Molcho: Man kann beide Wege gehen, aber dazu gehört ganz stark die Partnerschaft. Ist der Partner auch bereit die Kinder zu übernehmen, denn da geht es dann um den Rollentausch.

Wenn ich eine Karriere habe, dann bitte unterstütze mich und

nimm auch du einmal die Kinder und mach die anderen Sachen.

Ich denke, wenn meine Jungs heiraten wird das eine Gleichberechtigung sein und das liegt nur in der Erziehung. Wie erziehe ich mein Kind, das jetzt gerade geboren ist. Als Mann oder als Mädchen, denn da beginnt die Gleichberechtigung, ob die Männer dann die Machos sind und die Frauen immer wieder mehr machen müssen. Da ich aus Israel bin – wo Frauen auch zum Militär gehen -  ist das ein ganz anderes Selbstbewusstsein.

Frauen und Männer sind viel selbstbewusster und gleichberechtigter, wenn sie beide das gleiche machen. Es ist durchaus Erziehungssache und ich wünsche mir, dass es bei der nächsten Generation oder übernächsten dieses Thema nicht mehr gibt.

Frauen müssten noch viel mehr machen, um gleiche Gehälter zu bekommen, um gleiche Anerkennung zu bekommen. Ich hoffe es wird irgendwann vorbei sein und wir müssen uns darüber nicht mehr unterhalten.

YS: Das hoffe ich auch stark.

Haya Molcho: Das ist ja das Ziel unserer Unterhaltung. Es sollte nicht mehr diskutiert werden. Frauen sind multitasking - wieviel eine Mutter macht! Ich merke das bei meinen Jungs, sie machen eine Sache nach der anderen. Frauen stillen, kochen, analysieren, organisieren und kaufen gleichzeitig ein. Genauso auch im Beruf. Daher müsste man Frauen viel mehr in alle Bereiche hereinholen.

YS: Wie Sie sagen es ist ja nicht nur Familiensache, es ist ja auch die Sache von Männern und Frauen, von den Kindern und Großeltern. Es sind ja alle beteiligt.

Haya Molcho: Natürlich! Alle müssen beteiligt sein. Männer und Frauen sollten schätzen, was Frauen können. Auch im Berufsleben und in der Gleichberechtigung der Bezahlung. Nur weil wir Mütter sind und in Karenz sind, soll das nicht der Grund sein, warum wir weniger verdienen. Heute stellen viele Frauen nicht ein, weil sie schwanger werden können. Wo ist da die Gleichberechtigung? Wir sind diejenigen, die gebären und die Gesellschaft weiterbringen, daher sollte das kein Thema sein.

Ich werde niemals eine Frau nicht nehmen, nur weil ich denke sie kann in einem Jahr schwanger werden. Ich würde sie trotzdem einstellen auch wenn das unbequemer ist.

Am Ende wiederum können wir von Frauen ja so viel zurück haben.

YS: Was raten Sie jungen Frauen, die indie Gastronomie einsteigen möchten und diesen Traumberuf der Köchin leben? Gastronomieist ja doch ein hart umkämpftes Business.

Haya Molcho: Wenn sie noch nicht verheiratet sind, sollten sie den richtigen Mann heiraten. Mit Toleranz, sodass der Mann – wenn sie mal am Abend arbeitet – auch die Kinder übernimmt. Es geht darum, dass sie den richtigen Partner finden. Oder, wenn sie Glück haben und alleinstehendsind, dass die Großeltern unterstützen. Gastronomie und alleinstehend sein, wenn sie mit den Kindern nicht wissen wohin, das ist unmöglich. Du brauchst wirklich tolle Partner, die dieses Verständnis haben.

Gastronomie auf jeden Fall, denn in der Gastronomie kannst du dich verwirklichen. Wir haben keine versteckten Küchen mehr sondern offene, man arbeitet im Team und es ist ein traumhaft schöner Beruf. Aber man muss Kinder und Beruf kombinieren können. Ich habe es mir so ausgesucht, dass ich zuerst bei den Kindern war, weil der Samy viel auf Tourne war und ich meine Kinder nicht nur beim Au Pair lassen und den ganzen Tag weg sein wollte. Man muss sich das schon einteilen.

ICH FINDE DIESER BERUF ALS KÖCHIN IST EIN TRAUMBERUF UND ICH LIEBE ES!

Ich würde es jedem empfehlen, denn du kannst dich hier verwirklichen und wenn du die richtigen Menschen um dich herum hast und die dir wirklich helfen, dann würde ich jedem raten das zu machen.

YS: Dann ist vieles möglich.

Haya Molcho: Ja alles ist möglich, wenn die anderen Partner mitspielen. Wir sind nie allein, vor allem wenn wir Kinder haben und der Mann war ja dabei, er hat ja auch mitgemacht. In einer Zukunft, in der wir Gleichberechtigung haben werden, wird es auch keine Frage mehr sein ob wer Köchin wird oder nicht. Frauen sollten nicht nur Büroarbeit machen oder tagsüber arbeiten, sie können ruhig auch am Abend arbeiten, wenn sie sich das gut einteilen.

YS: Sie matchen sich mit den Besten derWelt. Die Kochszene ist mehr oder weniger eine Männerdomäne, war es für Siemanchmal ein Thema, gerade weil Sie eine Frau sind?

Haya Molcho: Für mich nicht, weil ich ja selbständig bin und ich diejenige bin, die jetzt Chefs und Köchinnen einstellt. Aber ich glaube - und ich habe hier mit sehr vielen Frauen geredet – sie müssen das Doppelte leisten als ein Mann. Sie müssen immer wieder beweisen und noch mehr beweisen, dass sie trotzdem gut sind – und das ist nicht leicht. Als Frau musst du wirklich doppelt so viel machen wie ein Mann. Ja es ist nach wie vor eine Männerdomäne – ob sie Bier trinken danach oder ob sie diese Sprache haben - aber mehr und mehr Jungköche sind heute ganz anders. Sie respektieren die Frauen, sie wollen mit Frauen arbeiten und sind nicht mehr diese Chefs, die damals mit den Tellern um sich geworfen haben.

Ein Chef muss heute einTeambuilder sein – der muss Frauen und Männer in einem Team zusammen bringen. Der ist für mich ein toller Chef, der wahrnimmt – egal ob Mann oder Frau – dass man mit Anerkennung, Lob und Motivation zusammenarbeitet.

Das ist für mich dann eine richtig geführte Küche und in diese Richtung gehen wir ja schon. Aber ja, auch heute noch ist es für eine Frau schwerer in der Küche als für einen Mann. Zu 100% müssen Frauen sich immer noch mehr beweisen.

YS: Wir sind beim Thema Arbeitsplatz. In Ihrem Team arbeiten viele Menschen aus unterschiedlichsten Nationen zusammen. Auch Ihre Gerichte spiegeln eine Vielfalt wieder. Warum ist Ihnen das so wichtig, dass Sie sagen, das Team sollte bunt gemischt sein? Diversity am Arbeitsplatz wird bei Ihnen gelebt.

Haya Molcho: Meine Küche ist bunt gemischt. Wir kommen aus einem Integrationsland. In Israel bin ich aufgewachsen mit dem Thema der Integration. So viele Juden aus der ganzen Welt kamen damals nach Israel, meine Nachbarn waren Immigranten. Ich kenne nicht nur eine Gesichtsfarbe – ich kenne Marokkaner, Jemen, Israeli, polnische und russische Juden…

Für mich in meiner Küche war klar, dass jeder Mensch, der kommt und sich vorstellt und wenn er gut ist, dass ich ihn nehme – egal von woher er kommt.

Unsere Küche ist bunt gemischt und ich möchte

auch buntgemischte Köche und Köchinnen haben.

Ich will nicht nur in eine Richtung gehen und sie sollen auch miteinander gut können. Mein Ziel war, dass jeder willkommen ist. Wenn er mitmacht und gut ist, dann spielt es keine Rolle woher man kommt. Das ist meine Erziehung und so habe ich auch unsere Kinder erzogen. So bin ich aufgewachsen, so ist auch mein Mann aufgewachsen und so gehen wir auch mit unseren Freunden um: Bei uns ist das eine bunte Mischung.

YS: Es ist eine bunte Mischung wie in einem Rezept. Auch da gehören unterschiedliche Zutaten rein.

Haya Molcho: Gerade unsere Küche ist vielfältig: Da ist die türkische, die indische, die österreichische Küche dabei – wir haben bei uns die ganze Welt und das macht unsere Küche aus.

YS: Das spiegelt sich auch im außen wieder. Man sieht das ja bei Ihnen. Gibt es für beruflichen Erfolg Zutaten, wo Sie sagen, das braucht es meiner Meinung nach an Zusammenspiel?

Haya Molcho: Außer Leidenschaft ist es die Ausdauer. Wenn man die Ausdauer nicht hat, eine Disziplin, dann gibt´s auch keinenErfolg. Es ist nicht immer leicht, aber wenn die Passion da ist, ist das schon mal der erste Schritt.

Du musst wissen, was deine Leidenschaft ist, denn 80% deines Lebens arbeitest du. Wenn du da etwas aussuchst, wo du unglücklich hingehst, dann machst du was falsch. Dann kommen Krankheiten, Depressionen, Burn out… da kommen viele schlechte Sachen.

Mein Erfolgsrezept:

1.) Leidenschaft - was will ich machen?

2.) Es ist nicht immer leicht!

3.) Disziplin und Ausdauer!

Nicht jedes Rezept gelingt, immer wieder probieren bis es perfekt ist. Das heißt, wenn du dann Erfolg damit hast, ist es umso leichter da weiter zu machen.

Bloß nicht schnell aufgeben. Wir haben am Anfang ja auch viele Fehler gemacht, doch wenn wir aufgegeben hätten, wären wir nicht so weit gekommen. Glaub mir, oft wollten wir zusperren und dachten, das schaffen wir nie aber wir haben es dann nicht gemacht. Wir hatten die Ausdauer, wir haben zusammen geweint und gelacht und dadurch sind wir weiter gekommen und genau das ist wichtig für deinen Erfolg.

YS: Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung” sagte der Philosoph Heraklit. Corona hat die Arbeitswelt und das Unternehmertum verändert. Wie gehen Sie mit dieser neuen Herausforderung um und wie mit Situationen, die neue Handlungen und Denkweisen erfordern?

Haya Molcho: Änderung - genau wie du sagst. Man bleibt nicht stehen. So war es bisher – jetzt ist es anders. Was machen die Gastronomen? Ich kann von der Gastronomie reden: wir gehen digital mit Takeaway, mit delivery, wir filmen, wir sind für die Kunden auf social media. Wir haben alles umgestellt.

Wir haben das Kochbuch in der Corona Zeitgemacht. Das heißt nicht den Kopf sinken lassen sondern fragen, was mache ich aus dem, was ich habe.

Nicht nur weinen und depressiv sein, sondern eine Kurskorrektur vornehmen und wieder ändern.

Änderung ist ein Weiterkommen.

Wir haben in der Corona Zeit alle zu uns nach Hause geholt. Hier konnten wir kreativ sein, das Geschäft weiter machen. Nadivi, unser Schauspieler, hat hier jeden Tag seine Stand Up Comedy gemacht. Das heißt wirhaben mehr gearbeitet in Corona als vor Corona ehrlich gesagt. Das neue Kochbuch„Wien bei NENI“ ist in der Corona Zeit entstanden. Ich habe gekocht, Nuriel hat fotografiert, Nadiv hat gefilmt, alle haben gekostet, dann wieder brainstormen -das war eine sehr kreative Zeit. Und wenn man das verpasst, dann ist die Tragödie. Jeder hat die Chance Take away anzubieten und kann auf Social Media, Facebook und Instagram sein und sich zeigen. Da muss man noch kreativer sein als vorher. Entweder du machst da mit oder du fällst runter. Wir sind wieder bei Ausdauer, Passion und keine Angst vor Änderung.

YS: Das heißt, das, was man gestalten kann unbedingt gestalten.

Haya Molcho: Unbedingt. Und weniger verdienen –aber man gibt auch weniger aus. In der Corona Zeit haben wir weniger ausgegeben und das ist dann wieder die Balance.

YS:Wo sehen Sie die Zukunft der Gastronomie?

Haya Molcho: Corona wird irgendwann einmal vorbei sein und wir werden eine Impfung bekommen. Wir reden hier noch von 1 – 1 ½ Jahren – bis dahin müssen wir mit weniger auskommen. Hoffentlich können wir unser Personal halten, mit Kurzarbeit weiter machen und müssen nicht kündigen. Wie sich die Gastronomie weiterentwickelt… hm, weiter wie bisher. Wir werden weitermachen, wir eröffnen im März 2021 ein Lokal und ich sehe nicht, dass die Gastronomie nun zu Ende ist nur weil wir diese Corona Zeit haben. Für uns wird es weitergehen, das sehe ich.

YS:Stichwort NENI, wo geht die Reise konkret hin?

HayaMolcho: Wie gesagt im März 2021 eröffnen wir ein NENI in Wien und wir werden eventuell eines in Lissabon machen. Die Reise geht dahin, wo sie uns hinführt. Wir lassen uns führen und wir lassen uns motivieren. Wir sind jetzt ganz stark in der Produktion, wo wir für Supermärkte die ganzen Salate machen. Wir haben eine neue Produktion, die auch im März 2021 eröffnen wird, wo wir sehr viel Geld investiert haben, was wir vor Corona schon entschieden haben. Die Produktion ist momentan unser Fokus, weil wir hoffen, dass das auch in der Corona Zeit weitergeht. Das heißt viele Salate, viele gesunde Gerichte entwickeln und ich sehe unsere Zukunft sehr stark in der Produktion und in der Gastronomie. Vielleicht noch ein Kochbuch, Fernsehen, Kitchen Impossible ist 2021 wieder geplant – es kommen viele Sachen auf uns zu. Auch Kitchen Impossible wird weitergehen, sie müssen es halt auch einfach verschieben.

YS: Da sind wir schon gespannt darauf, denn was sagte Tim Mälzer: „Kitchen Impossible at it´s best“

Kitchen Impossible - ja das war ein harter Kampf, wer es gesehen hat und jetzt will ich eine Revanche.

Das ist auch so eine Sache weißt du, Frauen wagen es oft nicht solche Sendungen zu machen, weil sie immer besonders gut sein wollen.

Und ich habe gesagt „ok sch… drauf, es geht nicht um gewinnen oder verlieren, spring rein ins kalte Wasser, sei authentisch, sei du.

Ich habe mir überlegt, wenn ich etwas nicht gut kochen kann, dann werde ich ein tolles Gericht machen und die Leute werden es essen. Du verlierst dein Gesicht nicht, wenn du einmal versagst. Versagen gehört dazu. Aber das ist ja nicht versagen zu sagen „Ich habe das verschissen. Na und? Bin ich deshalb ein schlechter Mensch? Habe ich deshalb in all den 10 Jahren alles schlecht gemacht? Das eine habe ich nicht gewonnen, na und?"

Ich habe mir Mühe gegeben und ich bin ins kalte Wasser gesprungen – und genau darum geht´s. Mutig sein, reinzuspringen, zu wagen! Sonst wirst du nie wissen hätte ich das geschafft oder nicht. Nicht nur bremsen, denn bremsen hält die Kreativität zurück. Ich bin jemand, der ins Wasser springt.

YS: Zum Abschluss bitte ich Sie noch die Sätze zu vervollständigen:

Am liebsten esse ich… Hummus.

Die beste Entscheidung meines Lebens war… meine Kinder zu haben und Sammy zu heiraten. Erst Sammy und dann die Kinder.

Ich verlasse das Haus nie ohne… gute Laune.

Erfolg heißt für mich… Ausdauer.

Humor ist für mich… das Wichtigste. Über sich selber zu lachen.

Meine letzten Worte sollen sein… ich liebe Euch.

Traurig bin ich wenn,…  es meinen Kindern schlecht geht.

Meinen Kindern will ich mit auf dem Weg geben… tolle Ehemänner zu sein.

Älter werden heißt… akzeptieren, dass du älter wirst und schön alt werden. Nicht weglaufen vorm Älter werden.

Zuletzt gelacht habe ich als… täglich. (lacht)

Wenn ich nicht Köchin geworden wäre, dann… vielleicht Ärztin.


Liebe Frau Molcho, vielen Dank, dass Sie uns daran erinnern, wie wichtig die Familie ist, wie wichtig gutes Essen ist und wie schön das Leben ist – getreu Ihrem Motto „Life is beautiful!“ Vielen Dank für das Interview.

Wien, Oktober 2020

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